Ich sehe ihn schon, bevor er herkommt. Seine Augen sind auf mich gerichtet, es glitzert etwas. Ist es ein Vorhaben? Er schiebt sich durch den Pulk und steht wackelnd neben mir. "Hast du einen Freund?" Noch vor Kurzem wäre ich da zum Rumpelstilzchen geworden, aber seit ich die Droge Mu neben mir stehen habe, bin ich auf Endorphinen, die alles aushalten. "Warum?" frage ich. Sinnvollerweise. Mit dem kann man zumindest rhetorisch spielen, weil er kein Vergewaltigertyp, sondern bloß schüchtern, in sich gekehrt und absolut nicht mein Fall ist (aber nicht der Schüchternheit wegen). Darauf antwortet er natürlich nicht, aber er deutet auf einen mir unbekannten Bargast, der nicht minder alkoholisiert, aber unglaublich protzig und schleimig rumtrampelt. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Er deutet auf S, die mir gegenübersteht, und verzieht sein Gesicht in ein Fragezeichen. Ich verziehe meines in einen wer-weiß-vielleicht-Ausdruck. Das reicht ihm nicht. Er glaubt mir halt die Lesbe nicht. Er deutet auf Mu, der in einer Unterhaltung mit Ma ist. Ich sage: "Vielleicht." Da schaut er enttäuscht und zieht ab. Kurz denke ich, wenn Mu mich als Freak einschätzt und mich nun für eine wahnsinnig Verliebte hält, die sich als seine Freundin wähnt, dann wär das ungünstig. Aber dann hat er sowieso eine ungünstige Meinung von mir. Und außerdem hast du mich eh nicht gehört oder gesehen, Mu, oder?
Guildenstern - 21. Dez, 13:30
Tja, was soll ich da sagen?
Vorarbeit innerlich: Anspannung, weil er neben mir sitzt und nervös mit dem Bein wippt. Muss der so wackeln? Dann ein unglaublich falscher Einsatz der Solistin.
Reaktion: Dahin ist meine Contenance, mein Mund zieht sich blitzeschnell auseinander, meine Schultern drohen zu beben, ich kann das Lachen nicht in mir halten. Schnell ein Taschentuch als Tarnung. Gut, dass niemand mehr hinter mir sitzt.
Da beugt er sich zu mir und spricht warm in mein Ohr: "Voriges Jahr hatte das mehr Pepp!" Ich höre wohl, was er sagt, aber der Nachhall ist ein anderer: Er hat in Kauf genommen, mit seiner Nase in meine Haare einzutauchen. Meine Ohren sind wahnsinnig empfindlich, und ich kann es kaum unterdrücken, noch einmal solch ein Nervenkribbeln dort spüren zu wollen. Außerdem war wieder ein wenig seines Aromas zu mir geweht.
Kann man da weitermachen? Ich neige mich zu ihm und flüstere: "War es auch richtiger?" (Ob er weiß, dass er mittlerweile für gigantische Adrenalinausschüttungen sorgt?) Wieder atme ich Eternity. (Dass es das sein muss, ist mir heute aufgegangen. Leider war das auch das Parfum von Th, aber seltsamerweise hat es noch keine traumatischen Erinnerungen ausgelöst.)
Was eigentlich als rhetorische Frage gedacht war, hat eine Folge. Er kommt wieder meinem Ohr näher. (Jaaa!) "Du meinst wegen der englischen Aussprache?" Diesmal flüstere ich gleich zurück: "Nein, musikalisch."
Ständig ist mir bewusst, dass das von außen betrachtet wahrscheinlich nur eine etwas unangemessene Unterhaltung zwischen zwei etwas wenig andächtigen Erwachsenen ist. In meinem Zustand ist eine Übertreibung oder eine voreingenommene Interpretation wahrscheinlich. Mein Zustand? Ich habe meinen Kopf ins Land der Verliebtheit übergeben.
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und Warnungen finde ich es etwas seltsam, wie er sich verhalten hat. Nicht, dass ich es nicht sehr aufregend gefunden hätte, aber wenn gar nichts dahinter stünde, hätte er dann getan, was er getan hat? War der Drang, etwas zu sagen, so übermächtig, dass er es einfach mir gesagt hat? War er als Gegner der Umgebung einfach so nervös und geladen, dass er sich scherzhaft hier abreagieren musste? Oder bin ich in seinen Augen so ungewöhnlich, so gewöhnungsbedürftig, dass er seltsames Verhalten an den Tag legen muss? Warum hatte er mich gefragt, ob da noch frei sei? Hatte er das nicht gesehen oder ahnen können? Wer hätte sich noch zu mir setzen sollen? Gut, das ist nun eventuell überinterpretiert. Er war halt höflich.
Nun ist es mir wirklich egal, ob man es mir ansieht. Ich bin auch zu der Auffassung übergegangen, dass man mich nicht grundsätzlich - und auch grundsätzlich nicht - testen, auf die Probe stellen, über den Haufen werfen oder auf den Arm nehmen will. Manchmal mag man mich einfach um meinetwillen. Vielleicht muss ich einfach selbstsicherer sein, dann strahle ich das auch aus. Das heißt, wenn ich nicht glaube, dass er mir was antun will, sobald er meine Gefühle erkannt hat, dann traue ich mich auch, sie zu zeigen.
Und was bleibt - at the end of the day? Er bläst mich um, er lässt mich alles andere als kalt, ich kriege weiche Knie bei ihm.
Guildenstern - 19. Dez, 20:00
Ich habe mir heute Nachmittag "Parental Control" auf MTV angesehen und war unfähig, wegzuschalten - nur in manchen Momenten drohte mein Mageninhalt nach oben zu wollen, da fand ich den Stummknopf. Dann wieder musste ich schallend lachen, was ich beim Fernsehen eigentlich nie muss. Diese Blödheit existiert tatsächlich. Es ist unglaublich, unfassbar, unbegreiflich. Zu nieder, um hier beschrieben zu werden, aber einfach unfassbar. Eine Viertelsekunde dachte ich: USA! Dann aber die innere Erwiderung: Nene, das gibt's schon in Deutschland genauso. Das ist ziemlich universell. Wahnsinn!
Guildenstern - 18. Dez, 22:52
Ich hab mich in Püppi verliebt. Sie hat mich mit schwarz-weißem Gesicht und auf drei Beinen angesehen, und nun muss ich sie haben. Sie wohnt bloß ein paarhundert Kilometer von mir entfernt. Aber sie ist eine Wohnungskatze! Und sie gehört irgendwie schon mir!
Guildenstern - 8. Dez, 23:26
A und ich in einem Aerosoles Store irgendwo beim Union Square. A probiert die Schuhe zum fünften Mal. Ich versuche meine seit Monaten eingespeicherte Müdigkeit an den Lederhocker unter mir abzugeben und gleichzeitig nicht unfreundlich desinteressiert zu sein. Da: ein Zauber! Was ist diese Musik? Wieso ist die Musik in allen Läden in New York wie anderswo nicht einmal eine gut aufgelegte Bar? Wie kann ich dieses Wunder jemals für ein Wiederhören konservieren? Genießen, überlegen. Auf deren Einzigartigkeit hoffend, präge ich mir die Textzeilen ein: "Say what you mean to say, say what you mean to say." Ich bin nahe dran. Weil ich im Urlaub geduldig bin und ohnehin auf die Entspannung zufahre, versuche ich es mir einfach ein paar Tage zu merken. Der nächste Besuch in der Public Library samt Internetzeit bringt es zutage: Thomas Godoj ist weiter. Ach ja, das auch. Und mein Lied ist von John Mayer. Another gem like no other. It's me. It's my song.
Guildenstern - 8. Dez, 23:18
Ich hab vor drei Tagen das erste Mal das Trinken von abgekochtem Wasser nach Ayurveda probiert. Ein Wunder, wie das schmeckt. Und besser fühl ich mich auch. Einbildung? Irrelevant. Ich mag's.
Guildenstern - 3. Dez, 20:25
... wenn du etwas über Egoismus wissen willst.
"Man soll nur so lange bei einer Sache bleiben, so lange man einen Vorteil aus ihr zieht."
Stimmt teils, teils nicht. Kommt auf die Sache an. Wenn man alles im Leben nach diesem Prinzip macht, geht die Menschheit vor die Hunde.
Guildenstern - 3. Dez, 19:01
A, I started this blog because of you, and I am writing this entry because of you. It's the first time in days that the fear inside me has melted. I can go to sleep and get some rest. I have digested it internally and in conversation with you. I feel that I'm on a way of sorts. I am strong enough and I have the support that I need when I'm weak. I'm not overenthusiastic, which could be hindering, anyway. I'm just confident that it won't be all that bad, that I can go through the bad and that I can find my way to the good. When I read your e-mail today I was reminded of our vacation this spring. This tiny little tension or row we had - what's that compared to the decades of friendship that have kept us together? Who am I to want perfection in you or me or our friendship? We're as good as it gets - and that way more than you could ask for. Sometimes there's not the right words to say what you feel - and one of those is now. Just let it be felt that the panic has floated off me, and that you're responsible for that. And, by the way, who would call someone across Europe and pay an incredible bill just for the phone? Only friends like you. Thank you for being there.
Guildenstern - 30. Nov, 21:51
I love getting up in the morning. I clap my hands and say, "This is gonna be a great day!!"
Jerry Maguire, of course
Guildenstern - 30. Nov, 21:50
Melancholie, ooh, Melancholie. Sonntagskonzert. Neu und üblich. Enttäuschung, weil im Programm stand: Text und Musik von Frank Sinatra und Ryan Adams. Da erwartete ich ein Medley, aber von Ryan Adams' genialem "New York, New York" war nix zu hören. Wer da recherchiert hat? Sonst: schön und mal weniger schön. Hat mich nicht immer so mitgerissen, wie ich erwartet hatte. Beim letzten Lied standen dann dreimal so viele Männer auf der Bühne, und da war's klar: Es hatte das Volumen, vor allem aber hatten Männer gefehlt. Frauenstimmen alleine oder im Überhang wirken schnell leer. Ich erinnere mich an meine schönste Chorerinnerung. Probe im Hörsaal und dann Aufführung auf der knappen Bühne, äh, Empore in der Kirche. Der Bass im Ohr, fähig, mir sämtliches Unglück der Welt für fünf Minuten wegzusingen, stattdessen nur Glück in meinen Adern fließen zu lassen. Ein Mann, der mich beeindrucken will, hat schon mal gute Startchancen, wenn er hinter mir oder schräg hinter mir steht und mir ins Ohr spricht oder eben besser singt. Es gibt beinahe nix Schöneres auf der Welt als einen Basslauf in meinem Ohr.
Tja, und ein wenig melancholisch bin ich auch deswegen, weil ich im Konzert sitzend an ihn denken musste. Auf einmal vermisste ich ihn doch ein wenig. Ich wollte neben ihm sitzen. Ist es immer so, dass man erst mal zur Ruhe kommen, etwas genießen und dabei dann draufkommen muss, dass man jemanden vermisst? Was hält mein Leben für mich bereit? Wenn ich in drei Wochen in sein Terrain einschneie und ihm vielleicht in den Massen über den Weg laufe, wird das etwas aufwärmen? Wird es peinlich? Wird es etwas beginnen? Vielleicht vermisse ich nur das Schöne im Leben, nicht bloß oder gar nicht ihn.
Nothing good comes easily. When will it come, though?
Guildenstern - 23. Nov, 19:50
Habe im Thalia meines Vertrauens ein Buch erstöbert und durchgeschmökert. (By the way, es gibt nicht viele Wörter, die schöner sind als "schmökern". Schmööööhööööökern!) Ich stehe nicht mehr zur Verfügung von Olaf Jacobsen. Man solle sich aus der Rolle, die man unbewusst gegenüber einem anderen angenommen hat, und aus den Gefühlen, die man stellvertretend für ihn hat, befreien. Die Idee klingt einleuchtend, ich werde sie morgen in den Klassenzimmern umzusetzen versuchen.
Guildenstern - 13. Nov, 19:09